Rotflämmchen

Zwei gelbe Augen blitzten sie plötzlich aus dem dunkeln an. Es war wirklich sehr dunkel in dieser Nacht, deshalb brauchte sie eine Weile um zu erkennen wer vor ihr stand: Ein Wolf.

Sie starrten sich an – dann drehte das Tier sich um und trottete langsam weg. Eigentlich hätte sie erleichtert das Weite suchen sollen, aber irgendwas zog sie. Sie konnte nicht anders, sie musste dem Wolf einfach folgen.

Eine Zeitlang schlich sie ihm hinterher – ohne so recht zu wissen, ob er sie bemerkt hatte oder nicht. Obwohl sie eigentlich Angst haben müsste, war sie ruhig. Sie hatte schon ganz furchtbare Geschichten über Wölfe gehört, ganz besonderes von ihrer Cousine Rotkäppchen, die einem wirklich gefährlichen begegnet und nur mit der Hilfe eines Jägers wieder entkommen war. Sie war ihrer Cousine tatsächlich ziemlich ähnlich, auch sie trug meistens einen roten Mantel mit einer roten Kapuze, das war eine Familientradition.

Genannt wurde sie: Rotflämmchen,  weil sie ein sehr lebendiges und strahlendes Wesen hatte. Wenn man sie von weitem sah, sah es so aus als wenn eine kleine Flamme durch die Welt tanzt.

Plötzlich blieb der Wolf stehen und sie bemerkte, dass sie auf einer kleinen Anhöhe angekommen waren – vor ihnen eine Siedlung, die geschützt im Tal lag. Einige wenige Häuser hatten ein schwaches Licht alle anderen lagen im Dunkeln. Sie kannte diesen Ort, hier war sie schon mal mit ihrem Papa gewesen und er hatte ihr erklärt, dass er sie ausgesucht hatte diesen Menschen etwas ganz wichtiges zu bringen. Sie sollte Licht bringen. Dieses Gespräch war schon eine ganze Weile her und sie hatte es schon fast vergessen, aber jetzt wo sie hier oben stand erinnerte sie sich plötzlich wieder ganz genau.

Unentschlossen stand sie da und starrte in die Dunkelheit, als sie plötzlich erstaunt zurück schreckte. Sie hatte eine Stimme gehört.

„Glaubst du, dass du für all die Menschen genug dabei hast?“ Diese Frage schnitt wie ein Messer in ihr Herz. Auf einmal erinnerte sie sich an den Korb den sie auf dem Arm trug. War das etwa der Wolf gewesen, der zu ihr gesprochen hatte?

Was sollte diese gemeine Frage? Er wollte sie wohl nur verunsichern und davon abhalten zu den Menschen zu gehen. Unschlüssig stand sie da – fast wie gelähmt. Was sollte sie jetzt machen? Aber langsam wurde sie wieder ruhiger, wahrscheinlich weil der Wolf auch ganz ruhig war. Er saß einfach nur so da und schaute, genau wie sie, auf die dunklen Häuser.

Und als Rotflämmchen sich wieder beruhigt hatte wurde ihr klar, dass diese Frage überhaupt kein Angriff gewesen war. Es schien als wolle er wissen was sie darüber denkt. Und obwohl sie gar nicht sicher war, ob es überhaupt der Wolf war, der gesprochen hatte antwortete sie: „Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher. Die Angst, dass ich nicht genug dabei hab beschäftigt mich schon den ganzen Weg lang, aber ich hab versucht es von mir wegzuschieben. Woher soll ich denn wissen, ob ich genug hab? Ich weiß ja noch nicht mal wie viele Menschen mich erwarten und ich weiß auch gar nicht was sie brauchen…“

Der Wolf sagte nichts. Er schaute sie nur lange an und diesmal wirkten seine gelben Augen überhaupt nicht mehr furchteinflößend, eher wissend und liebevoll und aus irgendeinem Grund war Rotflämmchen plötzlich klar, dass es gar kein Wolf sondern wohl eher eine Wölfin war. Sie dachte nach und in ihre Gedanken hinein sprach die Wölfin: „Warum bist du überhaupt hier her gekommen?“

„Na, weil meine Mama mich geschickt hat. Sie hat mir den Korb gepackt und gesagt ich soll hier hin kommen. Mama hat mich beauftragt die Menschen zu finden, die schon auf mich warten. Das was ich in meinem Korb habe, dass brauchen diese Menschen dringend, hat sie gesagt.“ Während sie sprach erinnerte sie sich an ihre Mutter. Sie war sich sicher, dass es niemals jemanden gegeben hatte mit einem größeren Herzen. Ihre Mutter war wirklich der barmherzigste Mensch, der ihr je begegnet war und auch der großzügigste. Und plötzlich rief sie von einer tiefen Erkenntnis ergriffen: „Ach, wieso hab ich denn erst jetzt daran gedacht!! Natürlich, wenn meine Mama mich geschickt hat zu diesen Menschen, dann hab ich auch genug dabei.  Sie würde mir nie zu wenig mitgeben.  Sie weiß genau, wer hier wohnt und was sie brauchen. Sie hat mit Sicherheit für alle mehr als genug eingepackt.“

Rotflämmchen war auf einmal von einer ganz neuen Freude und Zuversicht ergriffen. Energie durchströmte ihren Körper und sie sprang auf, denn jetzt wollte sie nur noch eins: Zu den Menschen zu denen sie geschickt worden war auch zu gehen, um das was sie mitgebracht hatte zu verteilen.

Sofort war die Wölfin an ihrer Seite. Diesmal drückte sie beim gehen ihren warmen Körper leicht gegen Rotflämmchens Bein. Diese Nähe war beruhigend, denn der Weg war wirklich dunkel und das Mädchen konnte manchmal kaum die eigene Hand vor Augen sehen – die Wölfin aber, die kannte den Weg genau und sie war eine gute Führerin.

Auf dem Weg, gab es aber etwas was Rotflämmchen ein wenig bekümmerte: Ihr Vater. Wo war er eigentlich? Sie hatte ihn schon eine ganze Weile nicht gesehen. Mama hatte gesagt, er wäre unterwegs, um etwas vorzubereiten. Rotflämmchen hatte eigentlich gehofft, dass er zurück sein würde bevor sie ihre Reise antreten musste. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass er mit ihr mitgehen würde. Mit ihm fühlte sie sich immer so sicher und beschützt.

Ach, wie sehr wünschte sie sich, dass er jetzt hier wäre. In der Zwischenzeit war sie aber dankbar, dass sie wenigstens die Wölfin bei sich hatte.

Die Wölfin blieb stehen und Rotflämmchen bemerkte erst jetzt,dass sie direkt vor einem Haus standen. Ihr Herz fing an zu pochen. Und jetzt? Sie konnte doch nicht einfach bei wildfremden Menschen an die Tür klopfen und erwarten, dass sie mit offenen Armen empfangen wird. Woher sollten, die denn wissen, dass es stimmt was sie sagt? Ob sie überhaupt bereit wären sie reinzulassen? Ihr Geschenk anzunehmen? Sie erinnerte sich wieder an den roten Mantel den sie trug. Einige Leute würden sie vielleicht daran erkennen?… Mama hatte gesagt: „Mein Kind, es ist wichtig, dass du diesen Mantel trägst, ich hab ihn extra nur für dich gemacht, damit du auf der langen Reise nicht vergisst wer du bist – aber auch damit andere Menschen dich erkennen können, als unser Kind.“  Vorsichtig fasste sie über den weichen Stoff und atmete tief durch, aber noch bevor sie klopfen konnte wurde die Tür von innen aufgerissen und eine ihr wohlbekannte und geliebte Stimme rief: „Da bist du ja endlich, wir haben schon so lange auf dich gewartet.“ Sie wurde hochgerissen und zwei starke Arme hielten sie fest an sich gedrückt.

Alles was sie denken konnte war: „Papa!“

Papa war die ganze Zeit hier gewesen und hatte auf sie gewartet. Später erfuhr sie auch, dass er den Leuten von ihr erzählt hatte, er hatte sie darauf vorbereitet, dass seine geliebte Tochter kommen wird, um ihnen Licht zu bringen. Und deswegen waren die meisten Menschen bereit ihre Tür zu öffnen, wenn sie klopfte. Viele hatten schon lange darauf gewartet endlich mehr Licht in ihrem Zuhause zu haben. Sie hatte wirklich viel zu tun, aber es machte Spaß, denn nichts war schöner als das Strahlen der Leute zu sehen, wenn sie sie beschenken durfte, mit dem was sie von ihrer Mama bekommen hatte.

Am Anfang war sie versucht nur am Rand des Ortes zu bleiben, immer noch ein wenig verunsichert, ob sie genug dabei hatte. Aber Papa ermutigte sie immer wieder bis sie sich sogar traute auf dem Marktplatz zu stehen und jedem der wollte Licht und Hilfe anzubieten.

Viele Tage vergingen und sie genoss die Zeiten mit Papa und sie freute sich, dass die Wölfin treu an ihrer Seite war. Immer wenn sie sich ein wenig verloren fühlte spürte sie die tröstende Wärme ihrer Freundin an ihrem Bein und das Vertrauen und die Zuversicht in ihrem Herzen wuchsen wieder.

Manchmal schlichen sich die beiden auch für eine Weile weg; zurück auf die Anhöhe wo sie das erste Mal miteinander geredet hatten. Und zusammen schauten sie sich wieder den Ort an. Sie beobachteten zusammen wiesich der Ort immer mehr veränderte. Damals war so gut wie kein Licht zu sehen gewesen, aber mit der Zeit wurden immer mehr Häuser hell erleuchtet und das Licht breitete sich immer schneller aus. Der Ort schien auch zu wachsen sowoh lin die Breite als auch nach oben.

Rotflämmchen hatte so etwas noch nie gesehen. Es schien als wenn der Ort, der damals im Tal gelegen hatte plötzlich auf einem Hügel war. Die Anhöhe von der aus sie den Ort mit der Wölfin betrachtet hatte verschwand mit der Zeit.

Zwischendurch machte Rotflämmchen auch immer wieder Reisen in ihre Heimat, um neues von ihrer Mutter zu empfangen, um weiter Licht geben zu können.

FlämmchenPostkarte

(c) Lenna Heide

Und eines Tages als sie ihren Weg zurück zu diesem Ort antrat traute sie ihren Augen kaum: Der Ort, den sie beim ersten Mal kaum finden konnte, der war jetzt von weitem zu sehen. Er war zu einer erleuchteten Stadt auf einem Berg geworden.

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