Wunden

(Dieser Text ist vom November 2009)

Heute Mittag hab ich eine SMS bekommen von einer Freundin, die mich darum gebeten hat für sie zu beten. Sie war in Tränen aufgelöst, weil sie wieder gefallen war. Ich hab das Gefühl gehabt, dass sie denkt sie habe Gott mal wieder – einmal zu oft mit derselben Sache enttäuscht und das sie sich nicht traute seine Vergebung in Anspruch zu nehmen. Eigentlich wollte ich noch eine Stunde schlafen, damit ich heute Abend fit bin, aber als ich mich hingelegt hatte hab ich gemerkt, dass mich die Sache beschäftigt hat, weil ich auch nicht so recht wusste, was ich ihr in ihrem Schmerz sagen soll. Und in meine Gedanken hinein hat Gott mir eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die er mir schon oft erzählt hat – diesmal ein wenig anders als sonst. Jesus mag Geschichten, weil er weiß das wir tief in uns drinnen alle noch Kinder sind und mit diesen Kindern redet er am liebsten, weil – um es mit einem etwas veränderten deutschen Sprichwort zu sagen – was Hänschen verstanden hat, das vergisst Hans nimmer mehr.

Deshalb will ich versuchen euch diese Geschichte zu erzählen.
Die Geschichte beginnt mit einem armen verwaisten Kind – dreckig und ausgehungert schleppt es sich die Straße entlang. Vor langer Zeit ist es von zu Hause weggelaufen, weil es dort nur geschlagen und verletzt worden ist. Irgendwie war sie sich auch nicht so sicher, ob ihr Vater überhaupt ihr leiblicher Vater war. Ihre Mutter war immer beschäftigt gewesen und selber dauernd verletzt – sie hatte sie nie schützen können. Ihr Vater kam oft wütend nach Hause. Manchmal hatte sie Glück gehabt und hatte sich noch rechtzeitig verstecken können – aber meistens war das Einschlafen von Tränen und Schmerzen begleitet.
Dann eines Tages hatte es ihr gereicht – sie war weggelaufen und hatte sich mit anderen Straßenkindern zusammengetan – aber auch hier war jeder Tag ein Kampf ums überleben und geschlagen und getreten wurde sie auch hier. Von den Menschen die sie beklaute, von Polizisten, die sie erwischten, aber auch die Kinder unter sich schenkten sich nichts.

Nun war das Kind auch von dieser „Familie“ weggelaufen – tief verletzt und verzweifelt.
Erschöpft schleppt sie sich schon seit Stunden eine staubige Straße entlang und weil sie die ganze Zeit starr auf den Boden schaute, um nicht zu stolpern merkt sie erst im letzten Augenblick dass sie vor einem riesigen Palast steht. Vor dem Tor steht natürlich eine Wache.
Eingeschüchtert bleibt das Kind stehen. Zögernd schaut sie zum Tor – aber der Hunger besiegt die Angst – was hat sie schon zu verlieren?
Endlich bei der Wache angekommen, versucht sie sich an ein paar höffliche Worte zu erinnern – aber die Wache kommt ihr zuvor.
„Schön das du endlich kommst – der König erwartet dich schon!“ Er öffnet das Tor und geleitet das Kind ganz selbstverständlich hinein. Das Kind ist sprachlos und hätte sich wahrscheinlich verschluckt – wenn sein Mund nicht so trocken gewesen wäre.
In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken – „Oh man der hat mich wohl verwechselt – was mach ich denn jetzt – soll ich vielleicht schnell zurücklaufen – was wird wohl der König machen, wenn er den Irrtum merkt? – Zu all dem mischt sich noch Angst –sie hat ja schon Geschichten über den König gehört – und es hatte sich so angehört als wenn dieser ein ziemlich, strenger Richter sei – bei ihrem Strafregister war das ja kein guter Ausgangspunkt. Aber die Beine des Kindes scheinen wie von selbst zu gehen und plötzlich ist sie schon im Thronsaal angekommen.

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(c) Lenna Heide

Der König lächelt und bedankt sich bei seinem Diener, der den Thronsaal daraufhin verlässt.
Scheu schaut das Kind sich um. Hier sieht es echt unglaublich schön aus.
Hier kommt es sich gleich noch viel dreckiger vor. Und dann passiert etwas was das Kind erstarren lässt. „Hallo“ sagt der König – aber nicht nur Hallo – sondern auch ihren Namen.
Hallo – Willi, Hallo Lena, Hallo Daniel, Hallo Melissa, Hallo Viktor oder Hallo Olesja – egal wie du heißt – wenn du vor Gottes Thron stehst sei dir sicher – er wird dich beim Namen nennen.
Der König redet weiter: „Ich freu mich das du endlich hierher gefunden hast. Ich warte schon sehr lange auf dich.“ Das Kind schluckt – Oh oh – wahrscheinlich wird ihr jetzt mitgeteilt welche Strafe auf sie wartet. Schnell schaut sie sich um – aber es scheint keinen Fluchtweg zu geben. Es traut sich auch nicht auch nur einen laut von sich zu geben.
Also redet der König weiter. „Ich würde dich gern adoptieren – dich zu einem Königskind machen – was denkst du darüber?
„Mich – wieso – wie?“ rutscht es ihr raus.
„Ja, du hast recht – es gibt eine Bedingung – du musst mir erlauben dich sauber zu machen und deine Wunden zu versorgen“
Schon allein bei der Vorstellung, dass jemand ihre Wunden anfasst zuckt das Kind ängstlich zusammen – bisher war sie so erschöpft gewesen, dass sie die ständigen Schmerzen verdrängt hatte. Sie weicht einen Schritt zurück.
„Hab keine Angst – ich will, dass es dir gut geht.“, fügte der König sanft hinzu.
Zum ersten Mal wagte das Kind hoch zuschauen und als sie die lieben Augen des Königs sieht kann sie nur noch nicken.
Sofort kommt der König vom Thron herab und nimmt das Kind bei der Hand. Zögerlich folgt sie ihm ins Badezimmer. Dort werden erst mal die dreckigen Kleider entfernt und ein Diener wird beauftragt die Sachen zu verbrennen. Sanft wird das Kind in das warme Wasser gesetzt und der König fängt an es eigenhändig sauber zu machen. Wieder steigt Angst in dem Kind hoch – gleich wird es wahrscheinlich echt weh tun. Es kneift die Augen zu, um die notwendige Prozedur über sich ergehen zu lassen. Augen zu und durch – wie man so schön sagt. Vorsichtig entfernte der König Dreck und getrocknetes Blut – bei den entzündeten Wunden stöhnte das Kind auf – aber nur kurz – denn der König scheint irgendetwas auf die Wunden zu tun, dass den Schmerz stillt. Nach einer Weile entspannt sich das Kind und fasste etwas vertrauen. Vorsichtig blinzelte es durch seine Wimpern – und entdeckt, dass der König weint. Während er vorsichtig ihre Wunden verbindet laufen ihm die Tränen über das Gesicht, weil es ihn schmerzt wie zugerichtet sein Kind ist. Langsam öffnet das Kind die Augen und lässt sich jetzt weniger ängstlich abtrocknen und in neue Kleider stecken.
Als der König ihm sanft über den Kopf streicht nimmt es seinen ganzen Mut zusammen und stürmt in seine Arme. Ganz fest umklammert sie den König – ihren neuen Vater und ein zögerliches: „Papa.“ rutscht ihr heraus. Gerührt nimmt der König das Kind hoch und nach kurzer Zeit ist sie vor Erschöpfung, aber glücklich auf seinem Schoß eingeschlafen. Die Tage im Schloss vergehen und das neue Königskind muss viele Dinge lernen und nach einiger Zeit erinnert es sich an die Vergangenheit. Irgendwie war einiges auf der Straße doch auch ganz lustig – und wie es wohl ihren alten Freunden geht?
Mit dem König hatte sie besprochen, dass es besser für sie wäre in der Nähe des Schlosses zu bleiben, weil es dort sicher ist. Aber das Kind weiß auch, dass es die Freiheit hat überall hinzugehen wo es hingehen möchte. Der König sorgt für sie und achtet auf sie, aber er kontrolliert nicht.
Eines Tages ist die Neugierde zu groß und das Kind macht sich auf dem Weg aus dem Schloss. Irgendwie hat sie schon ein schlechtes Gewissen, weil ihr klar ist, dass der Vater nicht gut finden wird, was sie vorhat – deshalb schleicht sie sich unbemerkt hinaus.
Schnell sind die alten Freunde gefunden und nach einer kurzen Wiedersehensfreude stellt das Kind fest, dass sie vergessen hatte – wie rau es hier zugeht – und tief im Herzen weiß sie dass sie hier nicht hingehört. Allerdings ist es da schon zu spät. Die anderen Kinder rauben sie aus, weil sie neidisch auf die schönen Kleider sind und lassen sie verletzt liegen.
Weinend wird dem Kind klar, dass der Vater recht hatte: Sie hätte bei ihm bleiben sollen. Aber jetzt war es wohl zu spät. Was nun?
Ich denke das Kind hat jetzt mindestens 3 Möglichkeiten. Entweder schluckt es seine Scham und seinen Stolz runter und macht sich auf den Weg nach Hause – wo es – da bin ich mir ziemlich sicher – mit offenen Armen von einem liebenden Vater empfangen und versorgt werden wird.

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(c) Lenna Heide

Oder es bleibt erstmal liegen – und versucht seine Wunden selbst zu versorgen oder versucht die Schmerzen zu ertragen,weil es denkt, es hat eine Strafe verdient. Es bleibt erst mal am Boden liegen und wartet bis die Wunden anfangen zu eitern und es gar nicht mehr aufstehen kann. Dann erst fängt es verzweifelt an nach seinem Vater zu rufen, um zu merken, dass er sofort kommt, weil er sich sofort nachdem sie das Schloss verlassen hatte auf die Suche nach ihr gemacht hat. Er war die ganze Zeit in der Nähe und das Kind fragt sich hinterher warum es nur so lange gewartet hat, um nach dem Vater zu rufen.

Oder es bleibt liegen und zwar solange bis es an seinen Wunden stirbt. Auch dann wird der König es finden, aber es wird nur noch eine königliche Beerdigung bekommen – mehr kann er dann nicht mehr tun.

Was ich damit sagen möchte: Wir müssen begreifen, dass wir Gottes Kinder sind, aber wir sind nicht Gott. Wir werden immer wieder Fehler machen und fallen. Gott weiß das – er weiß dass schon bevor er uns als seine Kinder annimmt. Er möchte, dass wir sofort zu ihm kommen – er möchte, dass wir soviel Zeit wie möglich mit ihm verbringen. Niemand hat etwas davon wenn wir uns selbst bestrafen, dass machen wir nur aus stolz. Jesus hat die Strafe schon auf sich genommen – wir sollen bereuen und dann seine Vergebung in Anspruch nehmen. Wir treten sein Opfer mit Füßen, wenn wir es nicht in Anspruch nehmen. Ich wünsch mir einfach, dass die die noch nicht seine Kinder sind – ihren ganzen Mut zusammen nehmen und ihm vertrauen – egal wer euch verletzt hat und euch nicht geliebt hat, obwohl er oder sie es eigentlich hätte tun sollen – es gibt einen, der euch nicht enttäuschen wird. Egal wer euch allein gelassen hat oder zurückgewiesen hat, obwohl er oder sie versprochen hatten euch ewig zu lieben – ihr müsst begreifen – das Menschen immer wieder versagen werden, aber Gott nicht. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen und deshalb möchte ich diese Geschichte mit einem Bibelvers aus Römer 8 beenden – und mit Paulus möchte ich euch allen zusprechen: Ich bin überzeugt: nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder unsere Ängste in der Gegenwart noch unsere Sorgen in der Zukunft. Ja, noch nicht einmal die Mächte der Hölle können uns von Gottes Liebe trennen. Und wären wir Hoch über dem Himmel oder befänden uns in den Tiefen des Ozeans nichts und niemand in der ganzen Schöpfung kann uns von der Liebe Gottes trennen, die in Christus Jesus unserem Herrn, erschienen ist.

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